Agatha Christie
Agatha Christie, war eine britische Schriftstellerin.
Sie wurde 1890 in England geboren und starb 1976. Erfolgreich wurde sie durch eine große Anzahl an Kriminalromane und Kriminatgeschichten, die auch mehrfach mit großem Erfolg für Film und Fernsehen produziert wurden. Ihre berühmteste Schöpfung ist die altjüngferliche Dedektivin, Miss Marple.
1965 veröffentlichte sie Weihnachtsgeschichten unter dem Titel "Star over Bethlehem": Eine Geschichte daraus ist "the naughty donkey," "der unfolgsame Esel."Der unfolgsame Esel
Es war einmal ein sehr unfolgsamer kleiner Esel. Er liebte es geradezu, unfolgsam zu sein. Wenn ihm etwas auf den Rücken geladen wurde, dann warf er es ab, und er rannte den Leuten nach und versuchte, sie zu beißen. Sein Herr konnte nichts mit ihm anfangen, und so verkaufte er ihn an einen anderen Herrn, und dieser Herr konnte auch nichts mit ihm anfangen und verkaufte ihn ebenfalls, und schließlich wurde er für ein paar Pfennige einem schrecklichen alten Mann gegeben, der alte, abgearbeitete Esel aufkaufte und sie durch Schinderei und schlimme Behandlung umbrachte. Aber der unfolgsame Esel jagte den alten Mann und biss ihn und rannte dann mit fliegenden Hufen davon.
Er wollte sich nicht wieder einfangen lassen, deshalb schloss er sich einer Menschenmenge an, die ihres Weges zog. "Unter all den vielen Menschen wird niemand wissen, wo ich hingehöre," dachte sich der Esel. Die Menschen zogen alle nach der Stadt Bethlehem, und als sie dort ankamen, gingen sie in einen großen Khan voller Menschen und Tiere.
Der Esel aber schlüpfte in einen hübschen kleinen Stall, in dem schon ein Ochse und ein Kamel standen. Das Kamel war sehr hochmütig wie alle Kamele, denn die Kamele glauben, nur sie allein wüssten den hundertsten und geheimen NAMEN Gottes. Das Kamel war zu stolz, um mit dem Esel zu sprechen. Deshalb begann der Esel zu prahlen. Er prahlte furchtbar gerne:
"Ich bin ein ganz aussergewöhnlicher Esel,"sagte er "Ich kann sowohl in die Zukunft sehen als auch in die Vergangenheit sehen."
"Wie soll denn das gehen?"brummte der Ochse.
"Na ja, einfach genauso, wie ich vorwärts- und rückwärts laufen kann". "Meine Ur-Ur-Urgroßmutter war die sprechende Eselin des Propheten Bileam und hat mit eigenen Augen den Engel des Herren gesehen."Aber der Ochse kaute ungerührt weiter, und das Kamel blieb weiter hochmütig. Bald darauf kam ein Mann und eine Frau herein, und es gab eine Menge Aufregung, aber der Esel fand rasch heraus, dass es da gar nichts zum Aufregen gab außer einer Frau, die ein Kind kriegte, und das passiert schließlich jeden Tag. Und nachdem das Kind geboren war, liefen Hirten herbei und machten ein großes Getue um das Kind - aber Hirten sind eben sehr einfältige Leute. Aber dann erschienen Männer in reicher Kleidung.
"Vips,"zischte das Kamel.
"Was ist das,"fragte der Esel
"Hochwürdige Leute, die Geschenke bringen,"sagte das Kamel. Der Esel dachte:
"die Geschenke sind bestimmt etwas Gutes zum Essen."Und als es dunkel wurde schnupperte er daran herum. Das erste Geschenk war gelb und hart und ohne Geschmack, das zweite brachte ihn zum Niessen und das dritte, als er daran schleckte schmeckte ekelhaft und bitter.
"Was für blödsinnige Geschenke,"der Esel schüttelte den Kopf.
Wie der Esel so neben der Krippe stand, streckte das Neugeborene seine kleine Hand aus, fasste ein Ohr des Esels und hielt es fest, wie das kleine Kinder tun. Da passierte etwas ganz merkwürdiges mit dem Esel, zum ersten Mal in seinem Leben wollte er nicht mehr unfolgsam sein, er wollte brav sein. Er wollte dem Kind ein Geschenk machen, aber er hatte nichts zu verschenken.
"Das Kind scheint mein Ohr zu mögen, aber das Ohr ist ja ein Teil von mir". Da kam ihm eine merkwürdige Idee: "Vielleicht kann ich mich selbst dem Kind schenken?"Da kam der Vater des Kindes, Joseph mit einem hoch gewachsenen Fremdling herein. Der Fremde sprach eindringlich auf Joseph ein, und als der Esel die beiden anstarrte, da traute er seinen Augen kaum! Der Fremde schien sich aufzulösen, und an seiner Stelle stand ein Engel des Herren, eine goldene Gestalt mit Flügeln. Aber im gleichen Augenblick verwandelte er sich wieder in den Mann zurück.
"Du liebe Zeit, ich sehe Gespenster,"dachte der Esel, "das muss von den Unmengen Heu kommen die ich gegessen habe."Jetzt sprach Joseph mit Maria,
"Wir müssen das Kind nehmen und fliehen, es ist keine Zeit zu verlieren." Sein Blick fiel auf den Esel. "Wir nehmen den Esel hier und lassen das Geld für seinen Besitzer zurück. So gewinnen wir Zeit."Und so zogen sie auf die Straße die von Bethlehem wegführte. Wie sie an eine enge Stelle kamen, versperrte ihnen ein Engel des Herren mit einem flammenden Schwert den Weg, und der Esel, der ihn als einziger sah, wandte sich seitwärts und begann den Hügel hinaufzuklettern. Joseph versuchte ihn auf die Straße zurückzuzerren, aber Maria sagte:
"Lass ihn, denk an die sprechende Eselin des Propheten Bileam." "Hatte sie nicht ihren Herrn vor dem Verderben gerettet, weil sie störrisch ihren eigenen Weg einschlug?"Und gerade als sie im Schutz einiger Olivenbäume angelangt waren, kamen mit gezogenen Schwertern die Soldaten des Königs Herodes die Straße heruntergesprengt.
"Genau wie bei meiner Ur Ur Urgroßmutter," sagte der Esel, äußerst zufrieden mit sich. "Würde mich nur wundern ob ich nun auch in die Zukunft sehen kann?"Er blinzelte mit den Augen - und sah ein verschwommenes Bild; einen Esel, der in eine Grube gefallen war, und einen Mann, der half, ihn herauszuziehen..
"Na so was, das ist ja mein Herr als erwachsener Mann"sagte sich der Esel. Dann sah er ein anderes Bild; denselben Mann, der auf einem Esel in eine Stadt ritt.
"Natürlich, sagte der Esel, er wird zum König gekrönt". "Aber die Krone die er trägt ist nicht aus Gold, sie ist aus Dornen und Disteln. Das esse ich gerne aber als Krone ist es nicht das Richtige."Und dann war da noch etwas auf einem Schwamm, bitter wie die Myrrhe, an der er im Stall geschnuppert hatte…. Und da wusste der kleine Esel plötzlich, dass er nicht mehr in die Zukunft sehen wollte. Er wollte nur in den Tag hinein leben, seinem kleinen Herrn lieben und von ihm geliebt werden und ihn und seine Mutter sicher nach Ägypten tragen.
